Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde und Akademismus

Eröffnung
Do 1.10.2026
19 h
Aula der Akademie

Martin Ferdinand Quadal, Der Aktsaal der Wiener Akademie im St. Anna Gebäude,1787
© Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien


Die Ausstellung Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde und Akademismus will einem alten Streit eine neue Form geben. Der Akademismus wird nicht als abwertender Begriff für alles Gestrige und die Avantgarde nicht als Monopol auf das Neue verstanden werden. Vielmehr soll das kreative Spannungsfeld zwischen den beiden Begriffen freigelegt werden – und zwar in einer tiefen historischen Perspektive ebenso wie als Positionierung im Feld der zeitgenössischen Kunst.

Den Anlass bildet ein 300-jähriges Jubiläum der heutigen Akademie der bildenden Künste Wien – die Erstellung ihrer Statuten nach französischem Vorbild durch Jacob van Schuppen im Jahr 1726. Dennoch wird keine detaillierte Geschichte der Akademie der bildenden Künste Wien, sondern ein Parcours durch die Geschichte der Akademie(n) und ihrer antiakademischen Widersacher in 15 punktuell verdichteten Kapiteln gezeigt. Nicht zuletzt werden auch die gegenwärtige Rolle der Akademie(n) und die Verpflichtung für die Zukunft in eine neue Perspektive gestellt sowie die Brisanz von Debatten rund um Identitätspolitik, Diversität und geopolitische Verschiebungen, die die Felder von Bildung und Gesellschaft der Gegenwart bestimmen, miteinbezogen. Der institutionelle Rahmen ist durch die einmalige Situation gegeben, innerhalb einer Akademie drei hervorragende Kunstsammlungen vorzufinden, deren große Bestände an Gemälden, Grafiken und Gipsabgüssen die Chance bieten, die historischen Sammlungen neu zu befragen und Gegenwartskunst vor dem Hintergrund dieser besonderen Bedingungen zur Diskussion zu stellen.

Den konzeptuellen Ausgangspunkt der Ausstellung stellt die grundlegende Spaltung in der Kunstauffassung dar, wie sie sich am nachhaltigen Einfluss Giorgio Vasaris festmachen lässt. In seinen Schriften hält er das Ideal des autonomen, authentischen und originellen Künstlers hoch, während er gleichzeitig selbst als ungemein aktiver Kulturbeamter im Dienst der absolutistischen Herrschaftskonsolidierung des Großherzogtums Toskana tätig ist. Dieser Zwiespalt schreibt sich in die Gründung der ersten Kunstakademie, der Accademia del Disegno, durch Cosimo I. 1563 in Florenz ein. Deren eigentliches symbolisches Gründungsereignis findet ein Jahr später, mit der pompösen Beerdigung von Michelangelo Buonarroti, für Vasari der Inbegriff des „göttlichen“ Künstlers, statt.

Diese Spannung zwischen Ideal und realer Praxis wirkt in den Akademie-Diskursen des 17. und 18. Jahrhunderts nach; sie ruft nicht nur die Verfeinerung der akademischen Ausbildungs-methoden durch theoretische, ethische und pädagogische Maximen auf den Plan, sondern ebenso die antiakademische Kritik daran, die sich an der Praxis des jahrelangen Kopierens nach Gipsabgüssen ebenso stößt wie an der Nähe der Akademien zur absolutistischen Macht. Diese inneren Diskrepanzen des Akademiediskurses führen zu jenem Kipppunkt während der Französischen Revolution, als die Akademie als Einrichtung für einen Augenblick lang abgeschafft und schließlich doch der revolutionär-demokratischen Umgestaltung und konzeptuellen Neuausrichtung für würdig befunden wurde.

Die Ausstellung wird dieses seither andauernde Wechselspiel zwischen Akademiegründung, Akademiekritik und Akademiereform an ausgewählten Beispielen bis in die Gegenwart hinein verfolgen. So etwa lässt sich das aus der in Wien gegründeten Nazarener-Bewegung hervorgehende und erstmals in Düsseldorf installierte Reformmodell der Meisterklasse, das dem klassizistisch-normativen, regel- und theoriebasierten Unterricht der Pariser Akademie entgegentritt, in seiner Langlebigkeit zwischen Kritik und Selbstbehauptung vom frühen 19. Jahrhundert bis heute verfolgen. Es inspirierte das Bauhaus ebenso wie die russische Reformakademie Vkhutemas in den 1920er-Jahren, in denen die Avantgarde institutionalisiert werden sollte; es betraf die turbulenten Düsseldorfer Akademie-Ereignissen der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre und lässt sich schließlich bis in die Diskussionen um den Bologna-Prozess zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die globalen Akademiegründungen, den educational turn und den sog. Neuen Institutionalismus verfolgen.

Ergänzt durch bedeutende Leihgaben werden Hauptwerke der europäischen Malerei seit dem 16. Jahrhundert in ein Wechselspiel mit wichtigen Positionen der Gegenwartskunst gebracht. Neben einer Vielzahl von Originalen kommen hierbei auch Kopien – vom Originalitätskult der Avantgarde weitgehend entwertet – als Teil des alten Sammlungsbestandes ebenso zum Einsatz wie aktuelle und z. T. für die Ausstellung neu geschaffene Werke. Damit soll eine spezifische Qualität der Gegenwartskunst seit den 1960er-Jahren erschlossen werden, nämlich die Kopie nicht mehr als reine Reproduktion und als Lehrmittel aufzufassen, sondern als ein eigenständiges künstlerisches Medium, das mithilfe von Strategien der Aneignung und des Reenactments die akademische Praxis als avantgardistische Methode zum Einsatz bringt.

Mit historischen Werken aus den Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien – Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Glyptothek –, ergänzt um zahlreiche Leihgaben u. a. von Sandro Botticelli, Gustave Courbet, Heinrich Friedrich Füger, Artemisia Gentileschi, William Hogarth, Charles Le Brun, Franz Anton Maulbertsch, Nicolas Poussin, Joachim von Sandrart, Pierre Subleyras, Tiziano Vecellio gen. Tizian, Giorgio Vasari, Ferdinand Georg Waldmüller, Januarius Zick.
Zeitgenössische Positionen mit Leihgaben und Reenactements von Wolfgang Hollegha, Jörg Immendorff, Martin Kippenberger, Louise Lawler, Roy Lichtenstein, Markus Lüpertz, Francis Picabia, Chris Reinecke, Katharina Sieverding,  Abel Auer, Alice Creischer, Vaginal Davis, Stephan Dillemuth, Thomas Eggerer, Michaela Eichwald, Abdulnasser Gharem, Stephan Janitzky, Jutta Koether, Birgit Megerle, Andy Hope 1930, Ariane Müller, Gunter Reski, Hong Zeiss und Heimo Zobernig. 

Kurator: Helmut Draxler  
Kuratorische Beiträge: Hans-Jürgen Hafner und Claudia Koch (Gemäldegalerie)
 
Ausstellungsdauer
2.10.2026–22.8.2027

Ort 
Gemäldegalerie der Akademie
der bildenden Künste Wien,
Schillerplatz 3, OG1, 1010 Wien 

Öffnungszeiten 
täglich außer Montag 
10–18 h

T +43 1 588 16 2201 
F +43 1 588 16 2299 
kunstsammlungen@akbild.ac.at